Entschieden für Menschenrechte!
05.06.2009, 15:00
Pressemitteilung der Aktion fair spielt. Für faire Regeln in der Spielzeugproduktion
Träger: Bischöfliches Hilfswerk Misereor, Kath. Frauengemeinschaft Deutschlands (kfd), Kath. Arbeitnehmer-Bewegung Deutschlands (KAB), Nürnberger Bündnis Fair Toys, Werkstatt Ökonomie

(München/Aachen/Heidelberg, 5. Juni 2009) Anlässlich der vom 7. bis 9. Juni in München stattfindenden Jahrestagung des Internationalen Spielwarenverbandes ziehen die Aktion fair spielt und die katholische und evangelisch-lutherische Kirche eine ernüchternde Zwischenbilanz. Der Erzbischof von München und Freising, Reinhard Marx, und der Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, Johannes Friedrich, kritisieren die zögerliche Umsetzung des Verhaltenskodexes, mit dem der Internationale Spielwarenverband für „menschenwürdige, sichere und produktive Arbeitsbedingungen“ in den Spielzeugfabriken der Welt sorgen möchte.

„Nach fünf Jahren systematischer Überprüfungen ist das Ergebnis enttäuschend. Es ist immer noch nicht gewährleistet, dass die gesamte Lieferkette in die Kontrollen einbezogen wird. Es mangelt an Schulungen und wirksamer Beteiligung der Arbeiterinnen und Arbeiter. Und die Öffentlichkeit wird noch nicht darüber informiert, welche Fortschritte die Markenhersteller bei ihren Lieferanten erreichen“, so Erzbischof Marx.

Die Aktion fair spielt erkennt an, dass es in den bisher rund 800 zertifizierten Fabriken an manchen Stellen durchaus Verbesserungen gibt, etwa bei der Gesundheit und Sicherheit am Arbeitsplatz. In anderen Bereichen stehe die Umsetzung des Kodexes aber immer noch am Anfang: Nach wie vor gelinge es nicht, die überlangen Arbeitszeiten zu begrenzen oder die Zahlung der gesetzlichen Mindestlöhne und Überstundenzuschläge sicherzustellen. Die Löhne reichten meist nicht zur Deckung des Lebensunterhaltes, und vielfach werde wochenlang tagtäglich bis zur völligen Erschöpfung gearbeitet. Solche erschreckenden Abweichungen von den Regeln des Kodexes würden bei Stichproben zur Überprüfung der regulären Fabrikkontrollen immer wieder festgestellt.

Als unzureichend bezeichnet es die Aktion fair spielt, dass nicht von jeder Fabrik die Offenlegung ihrer Sublieferanten verlangt wird. So könnten Hersteller beispielsweise eine vorbildlich geführte Vorzeigefabrik zertifizieren lassen, während in nicht gemeldeten „Schattenfabriken“ weiterhin unter menschenunwürdigen Bedingungen gearbeitet werde. In der Volksrepublik China, dem weltweit wichtigsten Land der Spielzeugproduktion, sei das eine verbreitete Praxis.

„Die Verantwortung dafür liegt auch bei den Hersteller- und Handelsfirmen in Europa, Japan und den USA, wenn sie mit knapp bemessenen Lieferfristen und massivem Preisdruck solche Praktiken fördern“, sagt Landesbischof Friedrich. Außerdem müssten sich alle Hersteller und der Handel ohne Wenn und Aber dem Kodex anschließen und umfassend Auskunft über die Umsetzung geben. „Die Verbraucherinnen und Verbraucher müssen sich darauf verlassen können, dass bei der Spielzeugproduktion die Menschenrechte eingehalten werden“, so Bischof Friedrich.

In einem gemeinsamen Appell stellen die Repräsentanten der katholischen und evangelisch-lutherischen Kirche in Bayern fest, dass der Verhaltenskodex des Internationalen Spielwarenverbandes einen wichtigen Beitrag für die Schaffung menschenwürdiger Arbeitsbedingungen leisten könne. Aber er müsse glaubwürdig und nachvollziehbar umgesetzt werden. Der Verband müsse bei seiner Jahrestagung in München die Weichen endlich so stellen, dass das gewährleistet sei. Kapitalinteressen müssten da zurücktreten, wo sie mit der Menschenwürde in Konflikt gerieten. Profit rechtfertige keine unmenschlichen Arbeitsbedingungen.


Kontakt:
Uwe Kleinert, Werkstatt Ökonomie, Koordinator der Aktion fair spielt,
Tel. (06221) 43336-11
Elisabeth Strohscheidt, Misereor, Menschenrechtsreferentin,
Tel. (0241) 442-577, Mobil (0160) 97848512
Annekatrin Jentsch, Mission EineWelt, Pressereferentin,
Tel. (09874) 91030

Weitere Informationen und die Firmenliste der Aktion fair spielt finden Sie unter www.fair-spielt.de oder www.misereor.de.

Hintergrundinformationen

Der Weltverband der Spielzeugindustrie und sein Verhaltenkodex

Am 7. bis 9. Juni 2009 trifft sich im Hotel Bayerischer Hof in München der Weltverband der Spielzeugindustrie (International Council of Toy Industries, ICTI) zu seiner Jahresversammlung.

Dem Weltverband gehören nationale Branchenverbände aus 20 Ländern an, darunter der Deutsche Verband der Spielwaren-Industrie (DVSI).

1995 verabschiedete der Weltverband unter dem Eindruck zweier verheerender Fabrikbrände in Asien und weltweiter Proteste einen Verhaltenskodex (Code of Business Practices), der 2001 überarbeitet und um ein Verfahren ergänzt wurde, mit dem seine Einhaltung in den Fabriken überprüft wird, den so genannten ICTI CARE-Prozess. Der ICTI CARE Prozess wird inzwischen von der formal unabhängigen ICTI CARE Foundation organisiert, in deren Gremien allerdings branchenunabhängige Persönlichkeiten in der Minderheit sind.

Der ICTI-Kodex spricht die wesentlichen Probleme in den Spielzeugfabriken an. Er verlangt, dass die wöchentliche Arbeitszeit, die Löhne und Überstundenvergütungen den gesetzlichen Bestimmungen entsprechen, niemand unterhalb des gesetzlichen Mindestalters beschäftigt wird, keine Zwangs- oder Gefangenenarbeit angewendet wird, die gesetzlichen Leistungen für Krankheit und Mutterschaft gewährt werden, alle ArbeiterInnen im Rahmen der lokalen Gesetze ihr Recht auf eine Arbeitnehmervertretung wahrnehmen können. Außerdem müssen Gesundheit und Sicherheit am Arbeitsplatz gewährleistet sein und hygienische Sanitäranlagen und Wohnheime angeboten werden.

Zurzeit wird der ICTI CARE-Prozess ausschließlich in China umgesetzt. Aktuell (5.6.2009) sind 1.960 Fabriken für den Prozess registriert, 812 zertifiziert.

Die Aktion fair spielt

Die Aktion fair spielt setzt sich seit 1999 gemeinsam mit Partnern in Asien und Europa für die Beachtung der Menschenrechte und grundlegender Arbeitsnormen in der Spielzeugindustrie ein. Sie fordert die deutschen Hersteller auf, entlang ihrer Lieferkette den Verhaltenskodex des Weltverbandes der Spielwarenindustrie glaubwürdig und transparent umzusetzen, und ist mit der ICTI CARE Foundation über Maßnahmen im Gespräch, die aus ihrer Sicht nötig sind, um die Wirksamkeit, Glaubwürdigkeit und Transparenz des ICTI CARE-Prozesses zu verbessern.

Die Aktion fair spielt wird von folgenden Organisationen getragen: Bischöfliches Hilfswerk Misereor, Katholische Arbeitnehmer-Bewegung Deutschlands, Katholische Frauengemeinschaft Deutschlands, Nürnberger Bündnis „Fair Toys“ und Werkstatt Ökonomie (Koordination). Die Bundesarbeitsgemeinschaft Katholischer Familienbildungsstätten unterstützt die Aktion.

Spielzeugproduktion in China

75 % der weltweit gehandelten Spielwaren werden in China hergestellt. Rund die Hälfte der in Deutschland angebotenen Spielzeuge und etwa zwei Drittel der Spielzeugeinfuhren stammen von dort. Produziert wird in Tausenden von Fabriken unterschiedlichster Größe, meist im Süden Chinas, die vor allem junge Wanderarbeiterinnen aus den Provinzen im Landesinneren beschäftigen.

Die Arbeitsbedingungen in den Fabriken sind hart. Allzu häufig werden die nationalen Arbeitsgesetze ebenso missachtet wie international vereinbarte Standards, etwa die Kernarbeitsnormen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO), einer Unterorganisation der Vereinten Nationen.

Kernprobleme sind die überlangen Arbeitszeiten - in den Hochphasen der Produktion nicht selten bis 14 Stunden täglich, mehrere Wochen lang ohne Ruhetag - sowie die Verweigerung des gesetzlichen Mindestlohns, der weit unterhalb dessen liegt, was für menschenwürdiges Leben außerhalb der Fabrikwohnheime nötig wäre, und der vorgeschriebenen Überstundenvergütungen.

Die Bürgerrechte der WanderarbeiterInnen sind eingeschränkt, so haben sie an ihrem Arbeitsort in der Regel keinen kostenlosen Zugang zum Gesundheits- und Bildungswesen. Zudem sind sie von der Wirtschaftskrise besonders hart betroffen: Insgesamt haben rund 20 Millionen der schätzungsweise 150 Millionen WanderarbeiterInnen in China in den letzten Monaten ihren Arbeitsplatz verloren und mussten sich auf den Weg in ihre Heimatregionen machen.

Auch mehr als die Hälfte der Spielzeugfabriken musste nach Schätzungen innerhalb der letzten zwei Jahre schließen. Grund dafür sind neben der Wirtschaftskrise die seit Sommer 2007 massiv in die öffentliche Kritik geratenen Qualitätsstandards chinesischer Spielzeuge. Von den nach dem ICTI-Kodex zertifizierten Fabriken wurden nach Angaben der ICTI CARE Foundation bisher lediglich rund 50 geschlossen.



Uwe Kleinert
Aktion fair spielt
c/o Werkstatt Ökonomie
Obere Seegasse 18
69124 Heidelberg
Telefon (06221) 43336-11
Telefax (06221) 43336-29
Mobil (0176) 78017758
eMail uwe.kleinert@woek.de


Heidelberg - Veröffentlicht von pressrelations


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