Skandale zur Eröffnung der Delfin-Lagune Nürnberg - WDSF und ProWal fordern politische Konsequenzen
02.08.2011, 08:00
(Nürnberg/Hagen-Westf./Radolfzell - 02.08.2011) Mehr als 50 Helfer aus Deutschland und der Schweiz von den Meeresschutz-Organisationen Wal- und Delfinschutz-Forum (WDSF/Hagen in Westfalen) und Projekt Walschutzaktionen (ProWal/Radolfzell) verteilten am Samstag auf einer Kundgebung anlässlich der Eröffnung der neuen Delfin-Lagune vor dem Nürnberger Tiergarten zusammen mit dem Verein Menschen für Tierrechte mehrere Tausend Flyer zur Aufklärung über die Hintergründe der „grausamen Delfinhaltung“. Nach aufgedeckten Skandalen fordern die beiden Organisationen den Rücktritt der beiden Bürgermeister und politische Konsequenzen.

Der WDSF-Geschäftsführer Jürgen Ortmüller (57) inspizierte zusammen mit einem Biologen die Haltungsbedingungen der Delfine in der neuen Anlage. Ortmüller: „Wir waren entsetzt, was wir in diesem Steinbruch-Delfingefängnis zu sehen bekamen. Den Zuschauern versucht man, die heile Welt der Delfine vorzugaukeln. Der angeblich über 50 Jahre alte Delfin Moby, der deutlich sichtbar eine alte Kopfverletzung an seinem Atemloch hat, musste vor den Augen der Besucher mit Flüssigkeit zwangsernährt werden, indem der Trainer ihn einen Gartenschlauch schlucken ließ, weil er nach Angaben der Delfintrainer einen schweren Nierenschaden hat. Trotzdem musste er anschließend mit den anderen drei Delfinen im Außengehege des Delfinariums an der Show teilnehmen und hohe Sprünge über einen Wasserstrahl absolvieren, um überhaupt seine zusätzlichen Futterrationen zu bekommen. Die Motivation der Tiere die unnatürlichen Kunststücke während der Shows auf Befehl auszuführen, wird ausschließlich über das Futter gesteuert. Vor und nach der Show wirkten die Delfine lethargisch und teilnahmslos. Dass Elektrozäune den Becken-Bereich umgeben, halten wir ebenfalls für äußerst bedenklich. Die Zuschauer kommen bis auf einen Meter an die Becken heran, sodass jederzeit Gegenstände oder Verpackungen ins Wasser gelangen können, die von den neugierigen Meeressäugern verschluckt werden könnten. Am Rand der Lagune fanden wir eine offenbar achtlos entsorgte Makrele am Wegesrand im Stadium der Verwesung.“

Der Tiergarten bezeichnet die ursprünglichen Showeinlagen der Delfine mit Sprüngen und Ballspielen neuerdings nicht mehr als „Shows“ sondern als „Präsentation“, obwohl sich beim Ablauf kaum etwas geändert habe, wie jeder Besucher feststellen könne, sagen die Delfinschützer. Eine Nürnberger Delfintrainerin erläuterte gegenüber dem WDSF: „Diese Vorstellung ist ja nichts anderes als unser tägliches Training. Ob die Leute dabei zugucken, ist den Tieren völlig wurscht.“ Für die Tierschutz-Organisationen ist das eine Verdrehung der Tatsachen, weil der Tiergarten mit seiner Wortklauberei lediglich aus dem Image einer Zirkusvorstellung raus wolle.

Tierpflegerin Christiane Thiere hatte davon gesprochen, dass vier Delfine „mit sanfter Gewalt nach draußen geschubst“ werden mussten, damit sie überhaupt das gewohnte Innenbecken verließen, wobei die beiden ehemaligen Delfine des Vergnügungsparks Soltau, Arnie und Joker, in der alten Halle separiert werden, die den Besuchern nicht zugänglich ist. Der Schieber zum Innenbecken wurde für die Delfine ebenfalls verriegelt. Ein klarer Verstoß gegen rechtliche Grundlagen der Delfinhaltung, wonach sämtliche Delfine jederzeit Zugang zu allen Bereichen der Beckenkomplexe haben müssen, so Jürgen Ortmüller, Geschäftsführer des WDSF. Lediglich vorübergehende Trennungen seien zulässig.

Im Gespräch mit Jürgen Ortmüller und dem WDSF-Biologen Philip Loos sagte eine Delfintrainerin am Samstag, dass das alte Delfinarium mit den beiden Soltau-Delfinen für die Zuschauer nicht zugänglich sei, weil die neue Wassertechnik auf den neuesten Stand gebracht werden müsse. Außerdem gäbe es Rangkämpfe zwischen den Delfinen. Die Tierschützer vermuten, dass entgegen der rechtlichen Grundlagen die beiden Soltau-Delfine bisher schon von den vier Nürnberger Delfinen dauerhaft in dem alten Drei-Becken-System getrennt waren. Es sei allerdings rechtlich zwingend vorgeschrieben, die Meeressäuger in sozial verträglichen Gruppen zu halten. WDSF und ProWal wollen daher eine Beschwerde an die Aufsichtsbehörde beim Umweltamt einbringen. Bemängelt werden von den Tierschutz-Organisationen auch die unnatürlichen Tiergeräusche, die aus großen Boxen die Becken beschallen. Der viel gepriesene Unterwassergang des Delfinariums ist nach Angaben des Tiergartens bis auf weiteres „wegen der Eingewöhnung der Delphine vorübergehend geschlossen“.
„Der Aufbau sich durch Nachzucht selbst erhaltender Populationen genießt durch Einbindung in nationale und internationale Erhaltungszuchtprogramme oberste Priorität“, heißt es im Säugetiergutachten, der rechtlichen Grundlage für die Delfinhaltung. Diese Voraussetzung wird keinesfalls erfüllt, so Andreas Morlok von ProWal: „37 Nürnberger Delfine sind bereits verstorben. In den letzten 12 Jahren funktionierte keine Nachzucht. Seit 2004 sind neun tote Delfinbabys zu beklagen.“

Seit Jahren warnen die beiden Organisationen den Stadtrat und die verantwortlichen Politiker, wie den Oberbürgermeister Maly und Bürgermeister Förther, vor einem finanziellen Super-Gau durch die neue Anlage, zumal Delfinarien Auslaufmodelle seien. Die Finanzierung des „Steinbruch-Delfingefängnisses“, wie die beiden Organisationen die Anlage wegen der Komplettausstattung mit Steinbruch-Sandsteinen bezeichnen, sei völlig unseriös, so der ehrenamtliche Geschäftsführer des WDSF und hauptberufliche Steuerberater Jürgen Ortmüller. Der Mittelfristige Investitionsplan (MIP) der Stadt Nürnberg habe letztlich eine Maximalsumme von 20 Millionen Euro als Bürgschaft für die Tiergartenfinanzierung der Anlage vorgesehen. Inklusiv der Spenden und Zuschüsse ergäbe sich bisher eine Investitionssumme von 24 Millionen Euro zusammen mit dem neuen Manatihaus. Am vergangenen Donnerstag äußerte Oberbürgermeister Ulrich Maly allerdings gegenüber den Nürnberger Nachrichten, dass zusätzlich noch ein Betrag von drei Millionen Euro im Raum steht.

Steuerberater Ortmüller, dem auch die Jahresberichte des Tiergartens vorliegen, spricht von „konkursähnlichen Strukturen“ zumal alleine schon der Jahresverlust des Tiergartens zuletzt mit 3,5 Millionen Euro festgestellt wurde. Ortmüller: 'Das ist die Salami-Taktik der Nürnberger Politiker. Ursprünglich hatte der Kulturausschuss mit Bürgermeister Horst Förther im Jahr 2005 10,3 Millionen für die Investitionen beschlossen. Dann wurden es plötzlich 17 Millionen, dann 24 Millionen und heute mit den bisher vorliegenden Rechnungen 27 Millionen. Finanziell berücksichtigt ist vermutlich noch nicht die für den Winter vorgesehene Traglufthalle, welche die Delfine vor Schnee und Kälte in zwei der Außenbecken schützen soll, ebenso vermutlich nicht der Umbau des alten Delfinariums mit einer neuen Wasseraufbereitung und die durch die Überfinanzierung entstehenden neuen Zinsen. Das ist wahrscheinlich noch nicht das Ende der Fahnenstange, denn wenn ein Politiker wie Maly heute davon spricht, dass ein weiterer Betrag von drei Millionen im Raum steht, werden es wahrscheinlich bis Ende des Jahres nochmals drei Millionen sein. Den Vorgaben der Wirtschaftsprüfer von Rödl & Partner wurde nicht gefolgt. Das ist politisch absolut unseriös zumal Förther mit dem Kulturausschuss beschlossen hat, dass die Finanzierung über den städtischen Haushalt abgewickelt werden soll, also der Nürnberger Bürger an den Schulden, den Zinsen und der Tilgung der Kredite über Abgaben und Steuern vorbelastet wird. Seit der Beschlussfassung in 2005 sind die Einnahmen des Tiergartens außer im Flocke-Jahr rückläufig, so dass auch die erhöhten Eintrittspreise die Millionen-Mehrbelastungen nicht ausgleichen können.“

So fordern ProWal und WDSF nach ihren langjährigen Warnungen und Protesten seit 2007 jetzt, dass Maly und Förther die politischen Konsequenzen aus der Fehlplanung ziehen müssten und abtreten sollten. Die Nürnberger Parteien, die dieses Millionengrab im Stadtrat „abgenickt“ hätten, müssten ebenfalls gestoppt werden. Jetzt schaue die Welt, insbesondere nach dem Oscar-prämierten Film „Die Bucht“, der sich kritisch mit der Delfinhaltung befasst, mit Unverständnis auf Nürnberg und sein neues 'Steinbruch-Gefängnis' für Delfine.“--


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Möllerstr. 19
58119 Hagen
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http://www.wdsf.de


Hagen - Veröffentlicht von pressrelations


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