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Der Reichstagsbrand von 1933: Schwelender Streit
25.02.2005, 15:00
Der Reichstagsbrand von 1933: Schwelender Streit 

Käme er heute vor Gericht, Marinus van der Lubbe hätte gute Chancen, freigesprochen zu werden. Die Brandversuche, die das Allianz Zentrum für Technik zum Fall anstellte, sprechen eher gegen die These, dass der junge Holländer den Reichstag 1933 allein in Brand gesetzt hat.

Das Ereignis, von dem die Rede ist, hat das Ende der Weimarer Republik und Deutschlands Weg in die Katastrophe besiegelt: Der Reichstagsbrand vom 27. Februar 1933, vor genau 72 Jahren. Er war wie von den Nazis bestellt und lieferte ihnen die letzte Rechtfertigung, um ihre politischen Widersacher rigoros aus dem Weg zu räumen.

Vom 'bisher ungeheuerlichsten Terrorakt des Bolschewismus in Deutschland' (Amtlicher Preußischer Pressedienst) war die Rede und noch in der Brandnacht rollte eine Verhaftungswelle gegen Kommunisten und Sozialdemokraten an. Einen Tag später wurde die Notverordnung 'zur Abwehr von kommunistischen staatsgefährdenden Gewaltakten' erlassen.

Die Propaganda zeigte Wirkung: Bei der Reichstagswahl vom 5. März 1933 konnten die Nazis zehn Prozent Stimmengewinne verbuchen und zusammen mit den Deutschnationalen im Parlament erstmals die Mehrheit stellen. Die Frage 'Wem nützt es?' ließ nur eine Antwort zu und schien geradewegs zu den Urhebern des Anschlags zu führen.

Erbitterter Glaubenskrieg

Doch waren es tatsächlich die Nazis, die die Lunte legten? Oder war es ein 'glücklicher' Zufall, der ihnen in Gestalt eines zündelnden Holländers in die Hände spielte, wie unter anderem der renommierte Historiker Hans Mommsen meint?

Wer nicht an Zufälle glauben mag, für den klang die Alleintäterthese, die der Amateurforscher und ehemalige Verfassungsschutzbeamte Fritz Tobias 1959/60 in einer umfangreichen 'Spiegel'-Serie aufstellte und der Mommsen das wissenschaftliche Gütesiegel gab, von Anfang an suspekt. Vertreter beider Lager haben sich seither einen erbitterten Glaubenskrieg geliefert, der einige von ihnen auch schon vor die Schranken der Gerichte geführt hat.

15 Brandherde...Ein Fernsehteam des Südwestrundfunks (SWR) zog das Allianz Zentrum für Technik (AZT) zu Rate, um die Frage klären zu helfen, ob es Marinus van der Lubbe möglich war, im Reichstag mehr als ein Dutzend Brandherde zu legen - und zwar allein, innerhalb von weniger als 15 Minuten und nur mit Kohlenanzünder und Streichhölzern bewaffnet.

Gutachter Peter Schildhauer hat dazu im Brandlabor des AZT mehrere Versuche angestellt und kommt zu einem eindeutigen Ergebnis: 'Theoretisch', sagt Schildhauer, 'bekommt man alles zum Brennen. Mit den Mitteln aber, die van der Lubbe verwendet haben soll, hätte die Zeit nicht ausgereicht - es sei denn, er hatte Helfer.'

. nach 15 Minuten in Flammen

Schildhauers Untersuchung konzentrierte sich auf ein kleines Stück lackierten Pappkartons, der von einem Namensschild stammte, wie es für die Redner im Reichstag benutzt wurde. Im Dezember 2002 war eines davon im Schweizer Bundesarchiv entdeckt worden. Auf Fotos des abgebrannten Plenarsaals sind verkohlte Reste solcher Schilder zu sehen, von denen es einige hundert gegeben haben soll.

Doch in der Brandursachenforschung spielten sie bislang nie eine Rolle. Schildhauer prüfte nun, ob van der Lubbe mit ihnen den Großbrand in der Kürze der Zeit hätte auslösen können.

Laut den Ermittlungsakten soll der Täter an jenem 27. Februar 1933 kurz nach 21 Uhr in den Reichstag eingestiegen sein und an mehreren Stellen Feuer gelegt haben. Um 21:17 Uhr wurde Alarm ausgelöst, wenig später waren Polizei und Feuerwehr vor Ort. Um 21:25 Uhr wurde van der Lubbe im Gebäude festgenommen.

Der Fall strotzt von so vielen Ungereimtheiten und 'Zufällen', dass sich die Vermutung aufdrängt, dass der sehgeschädigte Holländer, der sich im Reichstag nicht auskannte, in das Räderwerk eines Komplotts geraten war, dessen Ausmaße er kaum zu überblicken vermochte. Dass er nur mit ein paar Kohlenanzündern und seiner Jacke 15 Stellen in Brand gesetzt haben soll, hält Peter Schildhauer für extrem unwahrscheinlich: 'Damit allein hätte er das schwere Eichengestühl im Plenarsaal nicht zum Brennen gebracht.'

Nazis oder Kommunisten?

Schon das Reichsgericht und die Sachverständigen hatten 1933 die Alleintäterschaft van der Lubbes ausgeschlossen und weitere Brandstifter - aus Sicht des Gerichts naturgemäß kommunistische Verschwörer - hinter dem Anschlag vermutet. Das ließ sich allerdings nie beweisen. Genauso wenig wie die These von der Urheberschaft der Nazis, die den Reichstag selbst angezündet haben sollen, um eine Handhabe gegen Kommunisten und Sozialdemokraten zu haben.

Reste einer selbstentzündlichen Flüssigkeit, die 1933 bei der Untersuchung des Plenarsaals gefunden wurden, deuteten allerdings darauf hin, dass das Feuer nicht von einem verwirrten Einzeltäter gelegt wurde, sondern gut vorbereitet gewesen sein muss.

Nur mittels einer so genannten Zündkette, so Schildhauer, lasse sich das Geschehen plausibel erklären: Zünder - Brandverstärker wie Benzin oder Petroleum - Namensschilder - Eichengestühl. Doch, wie gesagt, van der Lubbe soll nur über Kohlenanzünder verfügt haben. Um damit die Schilder richtig in Brand zu setzen, hätte er sie wie bei einem Lagerfeuer aufschichten müssen. Schildhauer: 'Die Zeit hatte er nicht.'

Zweifel an Einzeltäterthese angebracht

Was Professor Mommsen und manch andere für plausibel ansehen, weisen Kritiker ins Reich der Legenden. Auch Horst Möller, Leiter des Instituts für Zeitgeschichte in München, an dem Mommsen lange Zeit tätig war, hält den Ansatz im Lichte neuerer Untersuchungen für 'eher unwahrscheinlich'. Ein Brand dieses Ausmaßes, so Möller, hätte die Präparierung der schweren Vorhänge und des Mobiliars im Plenarsaal erfordert. Van der Lubbe allein hätte das in der Kürze der vorgegebenen Zeit nicht bewerkstelligen können.

Nach allem, was man heute von den Umständen des Reichstagsbrandes weiß, sind zumindest gehörige Zweifel an der Einzeltäterthese angebracht. Setzt man all die Mosaiksteinchen des Puzzles zusammen, zeichnet sich eher das Bild eines clever geplanten Komplotts ab, in dem van der Lubbe die Rolle des Brandstifters untergejubelt wurde.

Bei der Tatortbegehung jedenfalls konnte er weder die Stelle, an der er angeblich in den Reichstag eingestiegen sein soll, bezeichnen, noch seinen 'Fackellauf' durch das Gebäude beschreiben. Unter den Fingerabdrücken, die am Tatort sichergestellt wurden, passte keiner auf ihn.

Auch die Untersuchungen des AZT stützen die These, dass der junge Holländer für ein Verbrechen verurteilt wurde, an dem er nur am Rande beteiligt war. Wenn überhaupt. Am 10. Januar 1934, drei Tage vor seinem 25. Geburtstag, starb Marinus van der Lubbe in Leipzig unter dem Fallbeil.

 

Martin Bendrich
Allianz Versicherungs-AG
Fon: +49.89.3800-7466




München - Veröffentlicht von pressrelations


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