Kontrovers: Delfinhaltung zwischen 30 Grad Hitze und völliger Vereinsamung
25.08.2011, 14:38
(Nürnberg/Hagen/Radolfzell) Delfinschützer der Meeresschutz-Organisationen ProWal und Wal- und Delfinschutz-Forum (WDSF) ermittelten heute Mittag im offenen Steinbruch-Delfinarium des Tiergarten Nürnberg Hitzetemperaturen von knapp 30 Grad Celsius während der Delfin-Show direkt an der Wasseroberfläche. Erlaubt ist die Haltung von Delfinen nach den Rechtsgrundlagen aber nur bei bis zu 24 Grad, so die Tierschützer. Weiterhin deckten sie jetzt auf, dass seit fast drei Jahren zwei Große Tümmler aus dem geschlossenen Vergnügungspark-Delfinarium des Heideparks Soltau in einem Nebenbecken der alten Delfinhalle des Tiergartens ohne Tageslichtdach gehalten würden.

Für bedenklich halten WDSF und ProWal die Teilnahme an den Shows durch die zwei nierenkranken Delfine Jenny und Moby, denen täglich jeweils drei Liter Wasser über eine Magensonde zugeführt werden muss. „Bei der Sommerhitze kann sich solch eine Nierenerkrankung mit intensiver Bewegung tödlich auswirken“, sagt Jürgen Ortmüller vom WDSF.

Andreas Morlok von ProWal ist erschüttert: „Eine ehemalige Mitarbeiterin des Tiergartens bestätigte uns jetzt mit Fotomaterial, dass die beiden Delfine „Arnie“ und „Joker“ in einem dunklen Mini-Pool im Nürnberger Delfinarium seit drei Jahren vor sich hinvegetieren. Das sind die einsamsten Delfine in Deutschland. Es gab keine Umsetzung, die beiden Delfine in die Gruppe der vier anderen Tiere zu integrieren. Das ist skandalös und gegen die Rechtsgrundlagen. Mit Bildung, Wissenschaft und Arterhaltung hat diese Tierquälerei überhaupt nichts zu tun. Das separate Minibecken in der alten Delfinhalle verfügt nicht über einen vollflächiges sonnendurchlässiges Dach. Die Showeinlagen im alten Delfinarium und ein paar Gummiringe und Bälle waren die einzige Abwechslung für diese sehr bewegungsfreudigen Tiere. Die neue Delfin-Lagune dürfen die beiden Tiere nicht mitbenutzen, da offenbar Rangkämpfe unter den männlichen Tieren befürchten werden. Weder in Duisburg noch in Münster werden Delfine so separiert und abgeschottet gehalten, wie in Nürnberg. So etwas kenne ich nicht einmal von den katastrophalen Zuständen in türkischen Delfinarien.“

Der ehemalige Besitzer der beiden Delfine im Heidepark Soltau war das englische Konsortium Merlin-Entertainment (u.a. Lego-Land, SeaLife-Center). Nach Boykott-Aufrufen durch WDSF und ProWal teilte das Unternehmen den beiden Tierschutz-Organisationen mit: „Das Unternehmen vertritt den Standpunkt, dass derartige Einrichtungen den Tieren keinesfalls gerecht werden. Meeressäuger und Walartige sind in Gefangenschaft nicht artgerecht zu halten.“ Das Delfinarium in Soltau wurde daraufhin abgerissen, ein Delfine eingeschläfert und zwei der Tiere nach Nürnberg transferiert.

Jürgen Ortmüller vom WDSF hatte schon vor drei Jahren gegen den Umzug der Delfine von Soltau nach Nürnberg protestiert: „Uns hatte man versprochen, dass die Tiere den bestmöglichen Platz bekommen würden. Den Umzug in die neue Baustelle „Delfin-Lagune“ war die schlechteste Lösung. Merlin-Entertainment hat uns bis heute hingehalten. Das Schicksal ihrer Delfine „Arnie“ und „Joker“ ist dem Eigentümer genauso egal, wie die damals gemachte Aussage, dass solche Tiere in Gefangenschaft nicht artgerecht gehalten werden können.“

Erst vor ein paar Tagen gab es einen Zwischenfall in der neuen Delfin-Lagune. Ein Zoomitarbeiter wurde von einem Delfin mit der Schwanzflosse am Kopf getroffen und musste im Krankenhaus behandelt werden. Ob es ein Unfall oder eine absichtliche Attacke des Tieres war, ist unklar.

Andreas Morlok, ProWal: „Alle Nürnberger Delfine befanden sich seit ihrem Fang bzw. ihrer Geburt in hermetisch abgeriegelten Delfinhallen mit künstlich aufbereitetem Salz- und Chlorwasser. Seit Jahrzehnten wussten die Meeressäuger nicht, was Sonne oder frische Luft ist. Der Übergangsschock muss groß sein und führt ganz offensichtlich zu Irritationsverhalten, das sie selbst und die Pfleger gefährdet.

'Bei den Delfinen gibt es viel Unruhe. Das ist das Risiko eines jeden Tierpflegers', sagte Tiergarten-Direktor Dag Encke nach dem Unfall. WDSF-Chef Ortmüller: „Und nächstes Jahr ist es dann das Risiko der kranken und behinderten Kinder, die an der angebotenen Delfintherapie teilnehmen sollen.“

Die beiden Meeresschutz-Organisationen fordern die Beendigung aller Delfinarien und Nachzuchten, da sie diese als gescheitert und als Auslaufmodell betrachten. Wegen der vermuteten Rechtsverstöße haben sie sich an das Umweltamt in Nürnberg gewandt.--


Pressekontakte:
WDSF (www.wdsf.eu) - Jürgen Ortmüller - Tel.: +49 (0) 151 24030 952


Hagen - Veröffentlicht von pressrelations


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