Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD)
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Franz Müntefering: Rede zu Greta Wehners 80. Geburtstag
01.11.2004, 10:24

Franz Müntefering: Rede zu Greta Wehners 80. Geburtstag

Bei der heutigen Feierstunde zum 80. Geburtstag Greta Wehners in Dresden hält der SPD-Parteivorsitzende Franz Müntefering folgende Rede:

'Liebe Greta,

wir sind hier versammelt, um dir zu gratulieren und dir zu danken. Gratulation zum Geburtstag. Zum 80.. 1924 2004, ein Leben in bewegter Zeit. Danke für deine Lebensleistungen.

57 Jahre bist du nun Mitglied der SPD, eingetreten im August 1947, als Deutschland auf den Ruinen, die der zweite Weltkrieg hinterlassen hat, neu aufgebaut werden musste. Ein Leben zudem, das eng wie kaum ein anderes verbunden war mit dem von Herbert Wehner, und das erfüllt ist von deinem Engagement für die deutsche Sozialdemokratie. Alle 600 000 roten Brüder und Schwestern danken dir dafür von Herzen.

Das Wort der Politikerfrau passt auf dich in besonderer Weise. Du warst die Frau an seiner Seite. Die Frau, die Herbert Wehner Rückhalt war, die mitgewirkt hat an seiner Arbeit und die ihm Kraft gegeben hat. Du bist aber nicht nur Politikerfrau, du bist auch Politik-Frau, dein Engagement in der Sache, für Politik, für die sozialdemokratische Idee war und ist groß. Du hast viele Reden gehalten, hast Anteil genommen und Einfluss genommen, du hast Dich stark gemacht für die SPD in Sachsen und das vor allem seit 1990, in einem Alter, wo viele schon an das ruhige Altenteil denken. Deine eigenen persönlichen Leistungen, liebe Greta, stehen für sich. Anerkennung und Respekt dafür und Dank.

Als du, liebe Greta 1924 geboren wurdest, warst du nicht auf Rosen gebettet. Was du in Deiner Kindheit erlebtest, blieb wichtig für dein ganzes Leben. Es war hart. Die Nachwehen des Weltkrieges, Not, die erste, kurze Demokratie, die bald von ihren Feinden wundgescheuert und zerschlagen wurde. Du musstest miterleben, wie deine Eltern, die im Widerstand arbeiteten, von den Nazis verfolgt wurden, und wie dein Vater 1934 von den Nazis ermordet wurde.

Als du noch keine 13 warst, als der Nationalsozialismus immer schlimmer tobte, bist du mit deiner Mutter und deinem jüngeren Bruder nach Schweden emigriert und ihr musstet dort ganz von vorne anfangen. Als Fremde, die aus der Heimat fliehen mussten, musstet ihr nicht nur eine neue Sprache lernen, sondern Euch auch mit den Sorgen und Nöten des täglichen Lebens herumschlagen, existentiell.

Die meisten Jüngeren, die wir seit 59 Jahren ohne Krieg und Not leben, können sich das nicht mehr vorstellen. Ich finde, es schadet aber nicht, sich das manchmal vorzustellen. Man muss es sogar, erst recht wenn man sich ein Urteil bilden will über die, die in diesen Zeiten lebten und handelten. Es hilft auch, wenn wir uns heute fragen, was wirklich wichtig ist, nämlich Frieden und Freiheit und Wohlstand. Und keine Angst haben müssen. Sicherheit haben.

Du hast eine Ausbildung als Kinderkrankenschwester gemacht und hast später an der Universitätsklinik in Uppsala gearbeitet. Später in Kiel hast du noch eine Ausbildung als Sozialfürsorgerin gemacht, was man heute wohl Sozialarbeiterin nennt. In Offenbach und Moers hast du dich weiter qualifiziert und bis 1953 auf diesem Feld gearbeitet.

Herbert Wehner tritt 1944 in das Leben deiner Mutter Lotte Burmester und ihrer Kinder. Sie muss eine außergewöhnliche Frau gewesen sein und hat in ihrem innigen Verhältnis zu Herbert Wehner ihn mitgeformt, war ihm Stütze und Ratgeberin auch noch in der Zeit ihrer Krankheit. Man hat sie öffentlich kaum gekannt, aber alle waren sich sicher: Herbert Wehner ist bei dieser Frau in besten Händen. Wer Herbert Wehner kennen lernte, der lernte auch schnell, ihn zu bewundern. So auch du, Greta. Eine Vielzahl von Kontakten zu Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten, zu Sozialisten und Ex-Kommunisten aus der ganzen Welt, zu Suchenden und auch zu Irrenden, zu engagierten Menschen prägten deine jungen Jahre in deiner Familie. Ein politisches Leben rundherum.

1947 bist du deiner Familie nach Hamburg gefolgt und dort in die SPD eingetreten. Ab 1953 hast du Herbert Wehner begleitet, ihm geholfen, beigestanden und seine politische Arbeit mitorganisiert.

Liebe Greta, aus einem solchen Leben gibt es viel zu berichten. Ungezählte Ereignisse, Gespräche, Begegnungen, Erfahrungen. In diesem Herbst ist das Buch herausgekommen, in dem du 'Aus einem Leben mitten in der Politik' berichtest. Ein Buch über Politik und Menschlichkeit. Ich habe mich sehr über das Buch gefreut und gerne ein Geleitwort dazu geschrieben. Christoph Meyer danke ich, dass er dich und wie er dich beim Zustandekommen dieses Buches unterstützt hat.

In dem Buch sind auch Dokumente abgedruckt. Dokumente, die zeigen, wie stark Herbert Wehners Engagement war, wenn es um die Interessen der verfolgten und eingesperrten Menschen in der DDR ging, wenn es um ein Mehr an Freiheit für die Deutschen in diesem, damals unfreien anderen Teil unseres Landes ging. Um Häftlingsfreikauf und Familienzusammenführung. Er handelte. Viele von uns haben da ihre guten Erfahrungen gemacht. Ich auch. Wie ein Mädchen zu seinen Eltern in den Westen, in dem Fall ins Sauerland durfte. Ich hatte ihm als junger MdB darauf hingewiesen und um Hilfe gebeten. Er schaffte es. Dieses Wirken von Herbert Wehner war typisch für diesen Mann. Mich hat es berührt und überzeugt. du, liebe Greta, warst ihm bei dieser Arbeit eine feste Partnerin und weißt, wie das war.

37 Jahre warst du an der Seite vom Onkel, wie wir ihn nannten. Mittendrin im Geschäft. An seiner Seite, was immer auch geschah und das war ganz viel.

Über Herbert Wehner wurde geschrieben und wird geschrieben. Ein ungewöhnlicher, bedeutender Mann, mit Höhen und Tiefen in seinem Leben voller Herausforderungen. Kantig und schroff und hart, aber auch leise und nachdenklich und voller Gefühl. Manchmal ist in den Zeilen eine gehörige Portion Boshaftigkeit dabei und schlechte Absicht. Niemand weiß besser als du, liebe Greta, wie sehr damit die Wahrheit verdreht wird. Der Lebenslauf eines Menschen zumal in jener Zeit - lässt sich nicht auf wenige Jahre seines Lebens reduzieren, der eines Mannes wie Herbert Wehner schon gar nicht.

Wer harte Entscheidungen voranbringt, ist nicht unumstritten. Herbert Wehner hat solche Entscheidungen vorangebracht; die Demokratie festigen helfen, Arbeitnehmerrechte erkämpft, die Klammer gesucht zwischen Bundesrepublik und DDR. Gerade in den Zeiten des Wiederaufbaus der Bundesrepublik waren politische Debatten und politisches Handeln geprägt von Ideologie und Richtungsdenken. Und immer wieder traf es und trifft es auch Herbert Wehner, dessen Leistungen und dessen Schaffen manchem ein Dorn im Auge war und noch ist.

Meist sind es die Moskauer Jahre von Herbert Wehner, die aufgegriffen und kritisiert werden, von seinem restlichen Leben abgetrennt werden. Keine glaubwürdige Methode, den ganzen Herbert Wehner zu erklären, sein ganzes Leben zu würdigen. In einem neuerlichen Versuch, das Lebenswerk von Herbert Wehner zu diskreditieren, wird jetzt ein einzelnes Jahr herausgegriffen. Das Jahr 1937. Das war ein wichtiges Jahr, keine Frage, aber es war nur ein Ausschnitt und muss gesehen werden im Zusammenhang des gesamten Lebens und Wirkens von Herbert Wehner.

Die Vorwürfe, die dort gemacht werden, sind überwiegend nicht neu. Hermann Weber hat überzeugend darauf geantwortet, Christoph Meyer auch. Es lohnt sich, das nachzulesen. Da wird nicht weiß gewaschen, sondern eingeordnet. Da werden Verstrickungen nicht geleugnet, aber die Jahre ab 1947 auch nicht verschwiegen. Als Parteivorsitzender der SPD, als einer, der Herbert Wehner in Bonn wenngleich aus der Distanz des sehr viel Jüngeren erlebt hat, sage ich: Der Demokrat, freiheitliche Sozialist, überzeugte Europäer, Patriot und Sozialdemokrat, der Herbert Wehner nach den Erfahrungen mit dem Stalinismus und der Nazidiktatur wurde, kann mit dem, was über seine Motive und Handlungsweisen in der Moskauer Zeit behauptet wird, nicht erklärt werden. Da passt etwas nicht zusammen. Und das liegt nicht an Herbert Wehner.

Herbert Wehner hat eine schwierige Biographie, keine Frage. Ein Mann, geprägt vom Kampf gegen die Nazidiktatur, ein junger politischer Suchender auch Irrender , ein Kommunist, der über den Kampf gegen die eine Diktatur in die Verstrickungen einer anderen gerät, der den Terror überlebt überleben muss , der dabei auch schuldig wird und seine Konsequenzen zieht: Herbert Wehner bricht mit dem Kommunismus und wird zum überzeugten, kämpferischen Demokraten.

Willy Brandt hat Herbert Wehner zu dessen 75. Geburtstag ein paar Sätze zukommen lassen, die ich Euch, die ich Ihnen gerne vorlesen möchte:

'Dir wird in diesen Tagen von vielen Seiten zu Recht bescheinigt, wie viel Du für unsere Bundesrepublik geleistet hast. Für die Mitglieder unserer Partei kommt hinzu, was Du für unsere Partei bewirkt hast und bedeutest. Für manche von uns kommt hinzu, dass wir Dein Suchen und Mühen seit der Arbeiterbewegung der Zwanziger Jahre bis zum heutigen Tag als ein Ganzes sehen. Und ich beziehe hier natürlich den verzweifelten Kampf gegen die verderberische Hitlerei ausdrücklich mit ein.'

Wehner und Brandt sind große Strecken ihres politischen Lebenswegs gemeinsam gegangen. Zwar sehr unterschiedliche Männer, mit Biografien, die die Wirrnisse ihrer Zeit spiegeln, die gemeinsam an einer großen Sache arbeiteten. Sie haben zusammen vieles erreicht. Sie haben auch manche Auseinandersetzungen geführt, um die Sache. Willy Brandt ist der herausragende Staatsmann, den die Sozialdemokratie in der alten Bundesrepublik hervorgebracht hat. Herbert Wehner steht ihm nicht nach. Er ist der unermüdliche Arbeiter für die Menschen, für das Land und die Partei. Wehners Zu-, Vor- und Mitarbeit ermöglichte die Regierungsbeteiligung der SPD und damit auch Willy Brandts Ostpolitik. Und Herbert Wehner wusste: Die SPD brauchte, um politisch erfolgreich für die Menschen im geteilten Deutschland wirken zu können, die herausragende Persönlichkeit von Willy Brandt.

Diese beiden werfen keinen Schatten aufeinander, auch wenn dies der eine oder andere gerne so darstellt. Wir lassen uns nicht spalten, auch nicht im Nachhinein. Die deutsche Sozialdemokratie kann stolz sein, dass in ihren Reihen nach 1945 so unterschiedliche und bedeutende Persönlichkeiten wie Willy Brandt, Herbert Wehner, Helmut Schmidt, aber auch Fritz Erler, Carlo Schmid, Kurt Schumacher und Erich Ollenhauer, gewirkt haben. Gemeinsam waren sie und gemeinsam sind wir heute stark.

Liebe Greta, aus den Bonner Jahren, in denen Herbert Abgeordneter, stellvertretender Parteivorsitzender, Bundesminister und Fraktionsvorsitzender war, sind uns heute Älteren noch viele Bilder von dir und Herbert in Erinnerung. Sie geben alle nur unvollkommen wieder, wie viele Aufgaben du damals übernommen hattest. Du sorgtest dich um seine Gesundheit, führtest seinen Terminkalender und warst die Lenkerin des Volvos, mit dem Herbert bei seinen zahlreichen Terminen durch die Lande fuhr. Du brachtest ihm die Tabletten und das vorbereitete Brot, in Silberpapier gewickelt. So kannten wir das. Dabei bliebst du immer im Hintergrund und drängtest dich nie ins Rampenlicht.

Vier Jahre nachdem deine Mutter starb, zog Herbert sich aus der Politik zurück. Du und Herbert, ihr habt geheiratet, 1983, und damit habt ihr eine gewiss einzigartige Beziehung besiegelt.

Liebe Greta, es liegt mir persönlich, aber auch als Vorsitzender der SPD besonders am Herzen, an deine aufopfernde Pflege zu erinnern, mit der du Herbert in seinen letzten Lebensjahren begleitet hast und ihm so ermöglichtest, seine schwere Demenzerkrankung mit Würde zu tragen und zu Hause zu sterben.

Nach dem Tode Herbert Wehners 1990, hast du über deine Erfahrungen mit der Pflege des Demenzkranken öffentlich berichtet. Damit hast du die Probleme der Alten und Schwachen ins gesellschaftliche Bewusstsein gerückt eine Aufgabe, die unsere Gesellschaft noch nicht zufriedenstellend gelöst hat. Du warst sogar Mitglied im Kuratorium der Deutschen Alzheimer-Gesellschaft.

Was mich aber darüber hinaus besonders fasziniert hat, ist dein Einsatz für das Zusammenwachsen Deutschlands. Du hast das verbunden mit der Fortsetzung von Herbert Wehners Lebenswerk und schon ganz zu Beginn der 90er Jahre enge Bindungen nach Ostdeutschland, nach Sachsen aufgebaut. Und das ging soweit, dass du, die zuvor nie in Dresden gelebt hat, nach Dresden gezogen bist, um 'ein Stück von Herbert zurückzubringen'. Am Aufbau der Demokratie und der Sozialdemokratie in seiner Heimat zu arbeiten, ganz ohne Eitelkeit. Unermüdlich hast du mit den Menschen geredet, ihnen zugehört und du tust es immer noch.

Bei der Gründung des Herbert-Wehner-Bildungswerks 1992 warst du beteiligt und hast dem Projekt damit die Authentizität gegeben, die die Sache brauchte. Du setzt dich ein für die politische und demokratische Bildung in Sachsen, und du sorgst für die Fortsetzung des Erbes von Herbert Wehner. Die Herbert-und-Greta-Wehner-Stiftung wird das sichern, was du begonnen hast. Dir liegt die Politik natürlich nach wie vor am Herzen, wie auch der Erfolg unserer Partei.

Ratschläge, die du aus deiner langen Erfahrung heraus gibst, können wir gebrauchen. Dass wir die Menschen bei den heute notwendigen Veränderungen nicht allein lassen dürfen und unsere Politik besser erklären müssen, das ist einer von diesen Ratschlägen. Wohl wahr, denn gerade darin liegt ein wesentlicher Grund für Erfolg oder Misserfolg unserer Politik. Als ich dich vor ein paar Monaten in Dresden bei einer Veranstaltung getroffen habe, da hast du mir gesagt, dass du immer noch Auto fährst. Du sagtest, dass der Sitz am Steuer viel bequemer ist, als die Couch zu Hause. Das fand ich ein starke Sache.

Liebe Greta, ich danke dir für alles, was du in und mit der SPD getan hast! Ich wünsche dir Gesundheit und Kraft für die kommende Zeit und, liebe Greta, fahr vorsichtig!'

 

E-Mail-Service der SPD-Pressestelle
10911 Berlin, Tel.: 030 25991-300 Fax: 030 25991-507




Berlin - Veröffentlicht von pressrelations


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