Aloe fürs Portemonnaie - Fragwürdiger Berufsverband bietet 'Ausbildung zum Präventologen'
27.01.2004, 12:44

Die MLM-Strukturen der 'Präventologen'

(aus der Hannoverschen Wirtschaftszeitung, 02/04)

Hannover, 27.01.2004. Sie wollen als Partner der Ärzte anerkannt, als 'Vorsorge-Berater' im Gesundheits- und Fitnessbereich tätig werden: Vor knapp drei Jahren hat sich der 'Berufsverband Deutscher Präventologen e.V.' mit Sitz in Hannover gegründet. Doch die vermeintlich übergeordnete Zwölfmonatsausbildung zum 'zertifizierten Präventologen' nach dem Motto 'Vorbeugen ist besser als Therapieren' wird von Ärzten als Schmalspurkurs mit der Lizenz zum Verkaufen kritisiert. So sitzen im Vorstand des Verbandes gleich zwei Firmenvertreter, die unter anderem mit Nahrungsergänzungsmitteln wie Aloe Vera ihr Geld verdienen.

Es ist ein boomender Markt, Millionen werden für 'biologische Naturprodukte', Vitamindrinks, Tees und allen voran Aloe-Vera-Produkte ausgegeben. Die Wirkung dieser Mittel entspricht in vielen Fällen allerdings nicht den Versprechungen der Werbung. In der Regel werden die Säfte bis hin zu Wasserfiltern im Strukturvertrieb über MLM-Network Marketing verkauft. Das bedeutet eine hierarisch aufgebaute Vertriebsorganisation, bei der Vertreter vor allem im Freundes- und Bekanntenkreis verkaufen und neue Verkäufer suchen. Über ein Aufstiegs- und Bonussystem sollen dann enorme Monatsgehälter eingefahren werden - versprochen.

Mit MLM nichts zu tun

'Mit solchen Unternehmen haben wir nichts zu tun', betont Roland Franck, Inhaber der 'World of Nature'- Warenhandelsgesellschaft in Hannover, die eine Palette von Nahrungsergänzungsmitteln im Angebot hat. 'Im Gegenteil, wir bekämpfen das - deshalb bieten wir unseren Mitarbeitern ja in Zusammenarbeit mit dem Berufsverband der Präventologen eine fundierte Ausbildung', versichert der 62-Jährige auf unsere Nachfrage. Ziel sei es, den 'Präventologen' als staatlich anerkannten Ausbildungsberuf zu etablieren. Nur deshalb engagiere er sich als 3. Vorsitzender in dem Berufsverband. Doch nach Recherchen der Hannoverschen Wirtschaftszeitung formt sich ein gegenteiliges Bild, wonach der Berufsverband nur Mittel zum Zweck ist und mit Halbwahrheiten operiert.

Beim Berufsverband der Präventologen e.V. in Hannover kostet der einjährige Fernkurs zum 'Vitalberater' Präventologe (200 Stunden, sowie vier Stunden pro Woche im Selbstunterricht) etwa 2200 Euro. Wer sich für Medizin interessiert und über einen Hauptschulabschluss verfügt, kann 'Präventologe' werden. So - sagt der Verband - wird Menschen geholfen, sich durch gesunde Ernährungszusatzstoffe - wie Aloe Vera - besser vor Krankheiten zu schützen. Das habe nichts mit Strukturvertrieb zu tun, beteuert der hannoversche Initiator. Wirklich nicht?

Im Sommer dieses Jahres sollen die ersten 150 Teilnehmer ihre Urkunden bekommen, so Präventologen- Vorstandsmitglied Roland Franck. Zertifiziert wird die Teilnahme durch Franck persönlich. Der hat allerdings eine bewegte berufliche Vergangenheit. Als Schauspieler, Verkäufer im Finanz- Strukturvertrieb, Buchautor von Titeln rund ums Verkaufen, als Coach mit Hypnose- und NLP-Ausbildung - ein Kommunikationsverfahren, das wegen seiner Nähe zu Scientology-Techniken umstritten ist. Auch als Hörbuchsprecher hat sich Franck einen Namen gemacht - nur eben im Gesundheitsbereich war er bis jetzt nicht tätig. So kommt sein 'Curriculum Präventologie' auch mit 22 Stunden für das anatomische, physiologische und medizinische Basiswissen aus.

'In jedem Dorf ein Präventologe' - das wollen die neuen Gesundheits- Apostel nach eigenem Bekunden. Gegenüber der Hannoverschen Wirtschaftszeitung erläuterte eine ehemalige Mitarbeiterin der 'World of Nature' (WON) das Konzept in der Praxis: Während in dem Aloe-Unternehmen eher Hausfrauen und Arbeitslose eine 'Gratis'-Ausbildung erhalten sollen, um dann in der Nachbarschaft aktiv zu werden, wolle der Berufsverband speziell Ärzte, ihre Ehefrauen sowie Arzthelferinnen ansprechen. 'Die sollen dann in unmittelbarer Nähe zur Praxis als Präventologen tätig werden. Ihre Kunden Kunden erhalten sie auf Empfehlung der Ärzte - dann wird beraten und die Tees, Aloe-Drinks verkauft, daran verdienen alle', so die Ex-Mitarbeiterin.

Franck sieht sich als guter Mensch. 'Alles muss ordentlich und sauber ablaufen', sagte er im Gespräch mit dieser Zeitung. So hat er im Bundestagswahlkampf 2002 der Gifhorner CDU-Bundestagskandidatin Elisabeth Winzer, Juristin, in grandioser Weise 100 Ausbildungsstellen zugesagt. Die setzte das auch prompt in einer Stellenanzeige medienwirksam um. 'Zeit für Taten' - man solle ihr doch umgehend die Bewerbungen schicken, um das 'Berufsziel Präventologe' als Zukunftschance zu nutzen.

Arbeitsamt kannte Präventologen nicht

'Etwas komisch kam mir das auf einem Seminar schon vor, als da auch diese Produkte präsentiert wurden', sagte Winzer jetzt auf Anfrage. Gab es keine weiteren Zweifel, zumal zwei Vertreter von Nahrungsergänzungsunternehmen – neben WON auch die süddeutsche Pharmos Naturkosmetik – im Vorstand vertreten sind? 'Na ja, sehen Sie mal, wenn das wirklich nur ums Verkaufen geht: Wir brauchen die Leute doch nicht vor ihrer eigenen Dummheit zu schützen', so die ehemalige Richterin, die die Angelegenheit nach der Abgabe der etwa 40 Bewerbungen bei Roland Franck und der (gescheiterten) Wahl in den Bundestag 'auch nicht weiter verfolgt' hat. Schamlos? Ja, und dreist die Behauptung im Winzer-Pressetext: Es war 'auch klar , dass sich das Arbeitsamt an dieser Zusatzausbildung beteiligt'.

Davon wissen die Arbeitsämter Gifhorn und Hannover nichts. 'Kollegen haben diese Aussage zwar in der Zeitung gelesen. Mit uns gesprochen hat aber niemand', betont Winfried Reihl, Direktor des Arbeitsamtes Gifhorn. So eine Beteiligung hätte man pauschal allein aufgrund der begrenzten Mittel niemals zusagen können. 'Es ist schon heftig, wenn so etwas behauptet wird. Es wird dabei suggeriert, dass es sich um eine anerkannte Berufsausbildung handelt. Die ist es nicht.' Die gleiche Reaktion im Arbeitsamt Hannover: Fehlanzeige, keine Zusammenarbeit mit Präventologen. Haben sich da Verkäufer und Politiker gegenseitig instrumentalisiert - auf Kosten derjenigen, die man sowieso nicht vor der 'eigenen Dummheit', nämlich der Präventologen- Ausbildung schützen will? Gut verkauft? Am Ende nicht.

Hartnäckig verkündet Franck auch über seine Anwälte, dass er keinen MLM-Strukturvertrieb betreibt. Warum nur? Das ist schließlich nicht strafbar, er hat selbst lange Jahre in und für solche Vertriebe gearbeitet. Aber es passt halt nicht zu den Ansprüchen von Ärzten, die zusammen mit ihren Arzthelferinnen wohl nur ungern profane Verkaufsveranstaltungen besuchen. Offenbar braucht es 'akademische Kompetenz', um dieses Klientel ansprechen zu können. Und da fährt der Berufsverband der Präventologen zu seinen Kongressen mindestens Doktoren und Professoren auf, die als Referenten aus der 'Arbeitsgemeinschaft der Vitalärzte' (Mitglied im Bundesverband für Wirtschaft und Außenhandel) stammen oder über Agenturen gemietet werden können. Mal gehören sie Sekten an und sprechen über 'positive Psychotherapie', oder sie kommen, wie der Ulmer Professor Dr. Dr. Franz Josef Radermacher gleich mit der 'Zukunftsformel' zur Umstellung der Weltwirtschaft samt Weltregierung. Meinungsvielfalt - Titelbeliebigkeit?

Titel platt hochgestapelt

Der ehemalige Präventologen-Referent Dr. med. Johannes Tebbe, ein Arzt am FPZ-Rückenzentrum in Köln, behauptet Professor zu sein: An der JinYan-Universität für Ganzheitlichkeit in Isny im Allgäu. Die Hannoversche Wirtschaftszeitung fragte nach: In Isny hat es nie eine solche Universität gegeben, es wurde lediglich überlegt, sie zu etablieren. Das Land Baden-Württemberg hatte jedoch Bedenken, ob ein wirklicher Kontakt nach China besteht. Wieso gibt es dann einen Professor? Klare Titel-Hochstapelei –- aber gut im medizinischen Marketing.

Von Etablierung weit entfernt

So dürften sich seriöse Präventions- Experten - zum Beispiel Kinderärzte, die pro Sprössling zehn Vorsorgeuntersuchungen leisten - von derlei Anmaßung abgestoßen fühlen. Und während sich Roland Franck im November 2003 zum 'Senator h.c.' vom Bundesverband für Wirtschaftsförderung küren lässt (ein Fantasietitel von einem alten Freund für 'seine Verdienste um die Prävention') bleibt die ernsthafte Etablierung des Berufsbildes auf der Strecke.

Der Chef der 'Präventologen', Prof. Dr. Heinz Häberle (Physiker) konnte gegenüber unserer Zeitung auch nicht ein Wort über Fortschritte in puncto 'Gespräche zur Anerkennung des Berufs' anführen. 'Dies läuft alles über Franck', sagte der ehemalige Leiter des Deutschen Luft- und Raumfahrtzentrums. Franck war aber aktiv: Der Internet- Auftritt des Berufsverbandes (www.praeventologe.de) ist, wie 'denic' ausweist, auf seine Firma eingetragen. Und für den unabhängigen Berufsverband hat er schon im Jahre 2002 den 'Titel' Präventologe vergeben, obwohl doch erst im April/Sommer 2003 die ersten Kurse begonnen haben. Titelschutz für die 'Präventologen' gibt es wie bei bekannten Vorbildern auch.

So zweifelhaft diese Mixtur aus Anspruch und Wirklichkeit erscheint, so verwoben sind die Beziehungen der Firmen Pharmos Naturkosmetik und 'World of Nature'. Nicht nur, dass Pharmos-Chefin Margot Esser auf Präventologen-Kongressen und Seminaren Vorträge hält. Das Unternehmen der Frau, die ihre 'nachhaltig' produzierten Aloe Vera-Pflanzen 'unter Berücksichtigung der Mondphasen' in Südamerika ernten lässt, ist mit seinem Gesellschafter Paul Greineder im Vorstand des Berufsverbandes präsent. Da trifft der ehemalige Chef der Löwenbrauerei und Aufsichtsrat der krisengeschüttelten Baum AG gute Freunde: Roland Franck und Heinz Häberle. Das Trio kennt sich: In der von Häberle gegründeten Umweltakademie e.V. (München), sind alle drei ebenso vereint. Dort will man Investoren für nachhaltige Projekte und Anlagefonds gewinnen und nun auch im Gesundheitsbereich aktiv werden...

Die 'Welt der Natur', manchmal findet sie sich im Internet: Und dort erscheint Roland Francks Firma als MLM-Unternehmen, gleich bei der einschlägigen Branchenzeitung 'Network Press'. Auf einer anderen Seite 'Geld verdienen mit genialem Geschäft', die direkt mit dem Berufsverband verlinkt ist, werden die Präventologen im Kontext als Güte-MLM-Unternehmen von einem Professor der FHWorms dargestellt. Für WON-Mitarbeiter, über 1000 sollen es sein, werden Firmenwagen und beste Verdienstmöglichkeiten in Aussicht gestellt. Ein Businessplan offenbart MLM pur: Danach erhält ein WON-Business-Manager mit 140 Mitarbeitern 15.000 Euro im Monat, erreichbar soll das nach maximal zwölf Monaten sein.

Bundesärztekammer mutmaßt 'Abzocke'

Da müssten sich die WON-tologen schnell etablieren können. Doch außer 'Einzelgesprächen' hat es mit Verbänden, Kammern oder anderen keine Dialoge zur Anerkennung des Berufs gegeben, wie Franck selbst bestätigt. So bleibt bis hierhin die Einschätzung der Bundesärztekammer: 'Präventologen? Berufsverband. Kennen wir nicht - zwei Nahrungsergänzungsfirmen im Vorstand? Hört sich nach Abzocke an!', wie Pressesprecher Hans-Jörg Freese unserer Zeitung sagte.

Chef-Präventologe Häberle will 'aufpassen, dass die Geschäftsinteressen der Firmen im Vorstand nicht mit den übergeordneten Interessen des Verbandes kollidieren'. Die Beurteilung der Bundesärztekammer kommt seiner Meinung nach aus dem 'gegnerischen Lager', das bei zu vielen gesunden Menschen ja auch nichts mehr verdienen würde, so der Raumfahrtexperte. Der hebt angesichts der Gelder, die Franck in seine 'World of Nature' gesteckt haben will, positiv ab - zwei Millionen Euro, sagt Franck selbst. 'Von irgendwo kam immer Geld, ich weiß nicht, ob er so vermögend ist', erinnert sich eine ehemalige WON-Mitarbeiterin, die wegen Psycho-Mobbing die Firma verlassen hat. 'Seit WON glaube ich gar nichts mehr'. Wie wird erst die geplante Stiftung 'World of People' für Alte und kranke Menschen aussehen, die Franck demnächst über sein Netzwerk aufbauen will?

 

Kontakt:

Hannoversche Wirtschaftszeitung

Redaktion

Hans-Ulrich Felmberg

Hinüberstraße 8

30175 Hannover

Tel. 0511 / 56 36 46 09 (Fax:/8),

e-mail: felmberg@hawezet.de




Hannover - Veröffentlicht von pressrelations


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