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Skandal, Zensur, Verbot: Historische Studie zeigt, wie Pop die Gesellschaften internationalisierte
03.05.2019, 14:45
„Geräuschathleten“, „Plünnenheinis“, „Schluckauf-Carusos“: Diese Bezeichnungen für normabweichende Musikstars und deren Fans waren in den 1950er-Jahren noch harmlos. Oft war die Kritik an jener neuen Kultur, die sich kurz nach dem Zweiten Weltkrieg formierte, kulturpessimistisch bis offen rassistisch. Traditionsbewusste Eliten schockierte nicht nur die Technisierung der an Kino und E-Gitarre orientierten neuen Massenästhetik, sondern auch der internationale Charakter der Szene. „Die Jugendpopkultur war eine Transnationalisierung von unten“, sagt Bodo Mrozek. Sein am Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam entstandenes Buch bietet erstmals einen Überblick zur Geschichte der Popkultur.

Für seine Studie hat der Historiker Archivdokumente aus mehr als sechs Ländern ausgewertet, darunter Frankreich, Großbritannien, die USA und neben der Bundesrepublik Deutschland auch die DDR. In all diesen Staaten machte man für ungewohntes jugendliches Verhalten die neuen Sounds der Rock- und Popmusik verantwortlich - und versuchte mit Zensur, Boykotten und Polizeiaktionen gegenzusteuern.

Auf mehr als 850 Seiten analysiert Mrozek die Übernahme negativer Sozialstereotypen aus Literatur und Kino durch Polizei und Politik. Anhand von „Halbstarken“, „Teddy Boys“ und weiblichen Beat-Fans zeigt sein Buch, wie nach tumultartig verlaufenen Film- und Musikaufführungen sich etwa in England das Klischee des Arbeiterjugendlichen als gewalttätiger Messerstecher durchsetzte, während man in Frankreich junge Algerier als gewaltbereite „Blousons noirs“ diskriminierte. Jungen Frauen warf man Verstöße gegen die Sexualmoral vor, wenn sie auf Konzerten lautstark Emotionen äußerten. Gegen diese Skandalisierungen etablierten sich in den 1960er-Jahren allmählich neue Formate für internationale Popmusik in Kino, Rundfunk, Fernsehen und auf dem Zeitschriftenmarkt - oftmals auf Druck der in Fanclubs transnational organisierten Jugendlichen.

Dabei sieht Mrozek Parallelen zu gegenwärtigen Diskussionen. „Die Ereignisse bei einem Pariser Massenkonzert 1963 ähneln dem, was 2016 nach der so genannten ‚Kölner Silvesternacht‘ geschah - in beiden Fällen wurden Einzelfälle pauschalisiert und führten zu politischer Stimmungsmache und Repressionen.“ Mrozek versteht seine Ergebnisse daher als historische Korrektur aktueller Debatten: „Heute wird oft behauptet, Internationalisierung sei ein Privileg der globalisierten Eliten. Weniger gebildete Menschen hingegen bräuchten eine nationalkulturelle Heimat. Meine Ergebnisse zeigen aber, dass die Impulse zu einer internationalen Kultur jahrzehntelang gerade von den weniger gebildeten Schichten ausgingen, während die Eliten mit drastischen Maßnahmen eine Nationalkultur durchsetzen wollten.“

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Bayreuth - Veröffentlicht von pressrelations


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