Lechts rinks - gar nicht so einfach. Foto: TÜV NORD
TÜV NORD Mobilität

Warum wir manchmal rechts und links verwechseln

25.06.2021, 10:14


Niemand muss lange überlegen, wo oben und wo unten ist. Rechts und links geraten schon eher mal durcheinander. Das ist nicht überraschend, sagt die Psychologin Anne Schumann von TÜV NORD: Von Natur aus orientieren sich Menschen eher auf andere Weise.

In der Regel beschreiben wir Orte und Wege aus unserer eigenen Perspektive. Sagt zum Beispiel die Beifahrerin oder der Beifahrer „rechts abbiegen“, ist die Sache für die Fahrerin oder den Fahrer klar, denn beide blicken in dieselbe Richtung. Aber was, wenn sich zwei Leute gegenüberstehen: Wessen ‚rechts‘ ist gemeint?
Dieses Problem haben viele indigene Völker nicht - sie kennen weder rechts noch links. Wenn sie einen Ort oder eine Richtung beschreiben, orientieren sie sich an Fixpunkten wie der Landschaft oder den Himmelsrichtungen. Fachleute sprechen von einer ‚allozentrischen‘ Perspektive, erläutert die Psychologin Anne Schumann von TÜV NORD. Der Löffel liegt dann nicht grundsätzlich ‚rechts‘ oder ‚links‘, sondern ‚nördlich‘ oder ‚südlich‘ vom Teller - je nachdem, wie der Tisch steht.
Die egozentrische Links-rechts-Orientierung ist demnach nicht universell. „Kulturen unterscheiden sich darin, wie sie Objekte sprachlich im Raum verorten“, berichten der Psychologe Daniel Haun und sein Kollege Christian Rapold, damals beide am Max-Planck-Institut für Psycholinguistik in den Niederlanden. Sie ließen Kinder aus Deutschland sowie Kinder eines indigenen Volks in Namibia einen Tanz einüben, bei dem sie ihre Hände mal nach rechts, mal nach links bewegen sollten. Die meisten deutschen Kinder taten das auch weiterhin, nachdem sie sich um 180 Grad gedreht hatten. Hingegen bewegten die meisten namibischen Kinder aus der Studie nun ihre Hände spiegelverkehrt zum eigenen Körper: Sie orientierten sich an den Himmelsrichtungen.
Ähnliches beobachtete Stephen Levinson, Direktor am besagten Max-Planck-Institut für Psycholinguistik, bei den Aborigines in Australien. Als ein Angehöriger des Stammes der ‚Guugu Yimithirr‘ über eine andere Person sprach, deutete er dabei auf sich selbst, so schildert es Levinson. Tatsächlich habe er aber durch sich hindurch in Richtung Südosten gezeigt, wo die Person wohnte. Viele von ihnen wüssten stets, wo Norden und wo Süden liegt, erklärt der Sozialwissenschaftler.
Diese Art der Orientierung sei dem Menschen offenbar angeboren, schloss er auch aus Studien mit Kindern und mit Menschenaffen. Er und sein Team versteckten vor den Augen der Tiere eine Traube unter dem rechten von drei Gefäßen. Standen die Affen später auf der anderen Seite des Tischs, wählten sie eher den aus ihrer Sicht linken Becher - also den, der im Verhältnis zur Umgebung am gleichen Ort stand wie zuvor. Vierjährige Kinder taten das ebenso, nicht aber Achtjährige und Erwachsene: Sie entschieden sich eher für das Gefäß, das sich relativ zu ihrem Körper an derselben Position wie vorher befand.
Die Befunde lassen vermuten, dass kleine Kinder sich zunächst eher an Fixpunkten der Umgebung orientieren und die egozentrische Perspektive erst im Lauf der Sozialisation erlernen. Die beiden Orientierungsweisen schließen einander zwar nicht aus: Die meisten Sprachen hätten mehrere Bezugsrahmen in ihrem Repertoire, berichten Haun und Rapold. „Doch in Europa herrschen relative Konstruktionen vor, und absolute Bezugsrahmen dominieren in den Sprachen von Eingeborenen in Australien, Papua-Neuguinea, Mexiko, Nepal und Südwestafrika.“
Wie es dazu kam, dass sich die meisten Kulturen heute am eigenen Körper orientieren, ist nicht abschließend geklärt. Forschende vermuten, dass der moderne Städtebau darauf einen Einfluss hat, sagt Anne Schumann von TÜV NORD. „Die Gebäude verstellen den Blick auf natürliche Fixpunkte wie die aufgehende Sonne.“
Allerdings hat die erlernte egozentrische Perspektive ihre Tücken, wie sich nicht nur bei Kindern beobachten lässt. Die Psychologin empfiehlt eine einfache Eselsbrücke: An beiden Händen Daumen und Zeigefinger abspreizen, dann formt die linke Hand ein ‚L‘ wie in ‚links‘. Die rechte Hand zeige zwar auch ein ‚L‘, jedoch spiegelverkehrt. „Nur bitte nicht beim Autofahren ausprobieren“, sagt Anne Schumann. Im Fahrzeug helfe eine andere Regel weiter: Links ist hierzulande da, wo das Lenkrad ist.



Hannover - Veröffentlicht von pressrelations